Bulimie: unkontrollierte Essanfälle

Der Alltag eines Bulimikers

Äußerlich ist die Bulimie kaum zu erkennen. Die Betroffenen haben in der Regel eine normale Figur, sind schlank und unauffällig. Auch ihr Essverhalten in der Öffentlichkeit ist eher kontrolliert.

Es handelt sich um eine heimliche Erkrankung. Bulimie-Kranke stopfen in regelmäßigen Fressanfällen Unmengen an Nahrungsmitteln in sich hinein, um diese anschließend, ehe die Speisen verdaut sind, wieder zu erbrechen.

Nach außen hin jedoch funktioniert alles perfekt. Wer an Ess-Brech-Sucht leidet, ekelt sich vor sich selbst und versucht darum mit aller Gewalt zu verhindern, dass andere von diesem abnormen Verhalten erfahren.

Im fortgeschrittenen Stadium kommt es daher zur absoluten sozialen Isolation und depressiven Verstimmungen. Die Betroffenen gehen jedem Kontakt aus dem Wege, damit sie ihre Sucht befriedigen können.

Bevor es soweit kommt, entscheiden sich viele Bulimiker für eine extreme sportliche Betätigung. Dadurch ist zwar manchmal das soziale Umfeld verwundert, aber misstrauisch wird deswegen niemand.

Die Diagnose

Kennzeichnend für die Bulimie sind mindestens zwei Essattacken pro Woche und das über einige Monate hinweg. Die Patienten verzehren oft 15.000 bis 20.000 Kalorien am Tag. Meist werden leicht verzehrbare und kalorienreiche Nahrungsmittel bevorzugt.

Während dieser Essanfälle haben die Patienten keine Kontrolle über ihr Essverhalten. Sie wissen, dass es nicht richtig ist, können jedoch nicht aufhören. Sie stopfen in sich hinein, bis wirklich alles weg ist.

Um das Ganze wieder ungeschehen zu machen, wird Erbrechen induziert. Der Missbrauch von Abführmitteln und Entwässerungstabletten und/oder Diät- und Fastenphasen sowie übertriebene körperliche Aktionen sollen die Kalorienzufuhr kompensieren.

Die Betroffenen zeigen zwar ihre Essstörung nicht, beschäftigen sich jedoch auffällig mit ihrem Gewicht und mit der Figur. Typisch sind ein scharf definiertes sehr niedriges persönliches Gewicht und die Unzufriedenheit mit bestimmten Körperregionen.

In der Krankengeschichte von Bulimikern finden sich häufig magersüchtige Phasen. Ebenso gibt es im Verlauf der Ess-Brech-Sucht immer wieder Magersuchtssymptome. Die beiden Essstörungen haben fließende Grenzen.

Mögliche Auslöser

Wesentlicher Risikofaktor ist wie auch bei der Magersucht der heutige Schlankheitswahn in der Gesellschaft. Hinzu kommt die veränderte Rollenerwartung an Frauen.

Einerseits können Frauen beruflichen Erfolg und Leistungsbereitschaft anstreben, andererseits werden ihnen immer noch weibliche Tugenden wie Warmherzigkeit und das Sorgen um andere sowie vor allem um die eigene Schönheit abverlangt.

Psychische Probleme wie die eigene Unsicherheit, ein geringes Selbstwertgefühl und eine insgesamt gestörte Entwicklung der eigenen Identität sind typisch für Bulimiker.

Frühe persönliche Verluste, Trennungen vom Partner oder Überforderungen im Beruf sind typische Auslöser. Sexueller und emotionaler Missbrauch kristallisiert sich in der Gesprächstherapie häufig als Ursache der Bulimie heraus.

Gewichtskontrolle und Diäten vermitteln den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit und Disziplin. Sie haben den Eindruck, ihre eigenen Bedürfnisse scheinbar kontrollieren zu können.

Die Folgen

Neben der psychischen Belastung kann die Bulimie viele körperliche Probleme auslösen. Durch das ständige Erbrechen kommt es zu einem hohen Elektrolytverlust. Weil Mineralstoffe wichtig für die Kreislaufregulation sind, wird der Kreislauf instabil. Zusammenbrüche sind möglich.

Langfristig führt das gestörte Mineralstoff-Gleichgewicht zu Knochenschwund. Magen und Speiseröhre werden durch das Erbrechen des sauren Mageninhalts angegriffen. Es kann zu chronischen Entzündungen der Speiseröhre kommen. Die Speicheldrüsen schwellen an.

Der Betroffene entwickelt die typischen Hamsterbacken. Durch die Riesenportionen an Nahrungsmitteln können sich Magen und Darm verändern.

Der Missbrauch von Abführmitteln verstärkt durch das Erbrechen ausgelöste Mineralstoffmängel. Auch die Zähne leiden durch das ständige Erbrechen, sie werden kariös. Nicht selten ist es der Zahnarzt, der die Krankheit feststellt.

Bulimiker sind häufig depressiv. Sie schämen sich und hassen das, was sie tun. Die Depression kann in manchen Fällen in den Selbstmord führen.

Die Therapie

Bulimiker müssen in therapeutische Behandlung, denn es handelt sich um eine schwere psychische Erkrankung, die allein mit familiärer Hilfe nicht zu bewältigen ist. Die Basis besteht aus zwei Therapiesäulen.

An erster Stelle steht die Psychotherapie, die sich in der Regel über ein bis zwei Jahre erstreckt. Die Therapiesitzungen sollten ein bis zweimal in der Woche stattfinden, damit der Betroffene sich aktiv und immer wieder mit seinen Ängsten und Selbstvorwürfen auseinander setzt.

Die begleitende Ernährungstherapie hat zum Ziel, dass die Betroffenen wieder lernen, ganz normal mit dem Essen umzugehen. Das gesunde Essen und die Freude am Essen stehen im Mittelpunkt.

Damit die Therapie erfolgversprechend ist, empfiehlt sich für alle Patienten zunächst eine stationäre Behandlung in einer Fachklinik, die etwa acht bis zwölf Wochen dauert. Übergangslos schließt eine ambulante Behandlung an.

Auch das soziale Umfeld muss in die Therapie mit einbezogen werden, damit im Alltag eine kompetente Unterstützung geboten werden kann.