Essstörungen: Ein Überblick

Warum nur?

Allen Essgestörten, ob sie an Übergewicht, Magersucht, Bulimie oder der Binge-Eating-Disorder leiden, ist gemeinsam, dass die Nahrungszufuhr das Handeln und Denken im Leben diktiert.

Dieses psychosomatische Problem der Betroffenen hat oft weitreichende Konsequenzen, nicht nur körperliche, sondern ebenfalls berufliche und soziale. Der Tagesablauf, viele Ausreden und Heimlichkeiten bestimmen langfristig auch Entscheidungen im Job und im Privatleben.

Übergewichtige Menschen gibt es seit Menschengedenken. Heute gilt Übergewicht jedoch nicht mehr als Zeichen von Reichtum. Ganz im Gegenteil: Jetzt übt die Diskriminierung von Übergewichtigen und das Streben nach einem Schlankheitsideal einen enormen gesellschaftlichen Druck aus.

Die Medien suggerieren mit entsprechenden erfolgversprechenden Diäten, dass es zu schaffen ist: Jede und jeder könne mit Disziplin und eisernem Willen eine "Traumfigur" bekommen.

Das Streben nach dieser Idealfigur und der Wunsch nach Anerkennung, gepaart mit dem Anspruch an sich selbst, perfekt zu sein, führen in den Teufelskreis der Essstörungen. Denn was anfänglich nur ein bisschen Abnehmen war, ist bald die vermeintliche totale Kontrolle über das Essen.

Essen und Psyche - ein starkes Duo

Schon ein Baby erlebt beim Stillen des Hungers die ersehnte und lebensnotwendige Zuwendung. Es verbindet mit dem Hunger Alleinsein und Leere, das Essen hingegen bedeutet Liebe, Wärme und Geborgenheit.

Und so bleibt es: Essen ist nicht nur die Nahrungsaufnahme und die Zufuhr aller lebensnotwendigen Nährstoffe, damit der Körper gesund bleibt. Die Mahlzeit mit der Familie, mit Freunden und Kollegen ist oft die Plattform für Vertrauen und Gemeinsamkeit.

Auch das Wie und Was der Mahlzeit spricht die Gefühle an. Auf die Schnelle alleine ein Brot gegessen, befriedigt bestenfalls den ersten Hunger, doch das gemütliche Miteinander bleibt auf der Strecke.

Viele Menschen reagieren auf Missstimmungen, seelische Höhenflüge wie auch auf Stress mit Essattacken oder Hungern. Kurzfristig ist dies zunächst nicht besorgniserregend.

Diese vorübergehenden Essprobleme legen sich meist, wenn die Alltagssituation sich beruhigt hat. Leider können sich daraus auch manifeste Krankheiten entwickeln. Die Nahrungsaufnahme verliert ihre eigentliche Funktion und wird zum Kompensationsmittel für psychische Probleme.

Wer ist betroffen?

Essstörungen gibt es in allen Altersstufen, bei Frauen und bei Männern. Doch über 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen im Alter von 14 bis 45 Jahren. Viele von ihnen haben eine gute Schul- und Berufsausbildung.

Die magersüchtigen Patienten sind sehr jung. Die Mehrheit erkrankt im Alter von 12 bis 20 Jahren. Bei jedem 100. Mädchen hat sich die Magersucht manifestiert, bei weiteren 4 % zeigen sich leichtere, jedoch besorgniserregende Anzeichen.

Die Ess-Brechsucht (Bulimie) tritt hauptsächlich bei Frauen im Alter von 22 bis 30 Jahren auf. Jede 20. Frau soll betroffen sein, die Dunkelziffer noch einmal so hoch sein.

Die Binge-Eating-Disorder (BED) mit den heftigen Heißhungerattacken, jedoch ohne das Übergeben zu provozieren, ist in Deutschland nur wenig erforscht und bekannt. In den USA leiden ein Drittel aller Teilnehmer an Gewichtsreduktionsprogrammen an BED.

Übergewicht ist zu einer Volkskrankheit geworden. Immer mehr Kinder und Jugendliche, insbesondere wenn die Eltern adipös sind, sind betroffen. Auffallend ist auch, dass sie deutlich schwerer sind als noch vor 20 Jahren.

Fatal für die Gesundheit

Essen ohne zuzunehmen! Ess-Brechsüchtige meinen zunächst, sie haben den richtigen Weg gefunden. Doch mit jeder Ess-Attacke fühlen sie sich schwächer, mit jedem Erbrechen steigt der Selbstekel.

Auch Magersüchtige haben eines nicht: Appetitlosigkeit. Essen bestimmt das Denken, doch wird der Lust nicht nachgegeben. Auch die Binge-Eating-Disorder ist verbunden mit starken psychischen Problemen.

Zusätzlich müssen die Betroffenen, egal an welcher Essstörung sie leiden, mit fatalen körperlichen Folgen rechnen. Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, chronische Verstopfung, Nervosität, Mattigkeit und Verspannungen sind erste Symptome.

Langfristig zeigen Übergewicht, Essanfälle, Erbrechen und Hungerstreik ernsthafte organische Schäden. Ein Frühwarnzeichen ist der Verfall des Gebisses durch den häufigen Zahnschmelz-Kontakt mit der Magensäure bei Bulimie-Kranken.

Abführmittel und andere Medikamente schädigen Nieren und Herz. Entzündungen und Verletzungen der Speiseröhre und Magenerweiterung sind ebenfalls typisch. Für Magersüchtige tritt früher oder später das Problem der Unterversorgung ein.

Die ersten Anzeichen

Wie überall in der Medizin gilt auch hier: Je früher die Erkrankung erkannt wird und je jünger die Patienten sind, desto besser sind die Heilungschancen und die Prognosen, im Erwachsenenalter völlig gesund zu sein.

Bei ersten Hinweisen auf Essstörungen sollten Familienangehörige, Freunde, Bekannte und Kollegen aufmerksam werden. Dazu zählt insbesondere die übertriebene Beschäftigung mit dem Essen.

Tägliches Wiegen, Unzufriedenheiten mit dem Körpergewicht und mit einzelnen Körperpartien sind weitere Signale. Aufmerksamkeit ist ebenfalls angezeigt, wenn der Umstieg auf eine fleischlose, anscheinend gesunde Ernährung stattfindet.

Wenn nur noch kalorienarme Nahrungsmittel gegessen werden und Stopferei mit Hungern wechselt, kann dieses ein Anzeichen von ernsthaften Essstörungen sein. Sie sind oft eine Antwort auf Kummer, Stress, Angst vor Nähe und gleichzeitigem Wunsch danach.

Alle Betroffenen bedürfen der Behandlung durch Psychosomatiker oder in der Fachklinik, in der sowohl die körperlichen Komplikationen als auch die Psyche im Therapiekonzept eingeschlossen sind.