Magersucht - ein Teufelskreis

Magersucht in der Gesellschaft

Die erste bekannte Magersüchtige war Twiggy. Ende der 60er-Jahre zog sie viele Frauen in den Bann, die die Figur und die Ausstrahlung von Twiggy nachahmten.

Seitdem gibt es immer mehr Magersüchtige. Das Schlankheitsideal steht heute in der Gesellschaft für Macht, Schönheit, Selbstbewusstsein und Disziplin.

Magersüchtige sind für ihr Umfeld oft faszinierend. Sie erscheinen zielstrebig, erfolgreich und leistungsorientiert.

Doch schon nach kurzer Zeit schlägt dieses Bild ins Negative um. Das zunehmend erschreckende Aussehen - Knochen werden sichtbar, das Gesicht wird fahl und greisenhaft - löst alle Formen des Helfertums aus.

Sie bewirken aber ebenso den Rückzug und die Distanz der Umwelt, die sich einerseits abgestoßen fühlt, andererseits aber Angst vor einer Überforderung hat und sich hilflos fühlt.

So kommt es zu einem Teufelskreis. Einerseits schreien Magersüchtige nach Hilfe, Anerkennung und Liebe, andererseits lassen sie die notwendige Nähe nicht zu.

Was ist denn Magersucht?

Magersüchtige versuchen, Hunger und Appetit zu überwinden und haben die absolute Kontrolle über ihr Essverhalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie tatsächlich an Appetitlosigkeit leiden.

Ganz im Gegensatz beschäftigen sie sich, wie alle anderen Ess-Gestörten auch, permanent und pausenlos mit dem Essen. Heißhunger ist ihnen genauso wenig fremd wie der Wunsch nach einem normalen Essverhalten.

Doch sie schaffen es nicht. Aus vielfältigen Ursachen heraus entwickeln sie ein sehr besonderes Verhältnis zu ihrem Körper.

Sie sind auffallend dünn. Durch die gestörte Körperwahrnehmung sind sie dennoch davon überzeugt, übergewichtig zu sein.

Wer innerhalb von 3 bis 4 Monaten mehr als 20 Prozent seines Ausgangsgewichtes abnimmt, ist laut medizinischer Diagnose magersüchtig. Weitere typische Anzeichen sind eine übertriebene körperliche Aktivität, Perfektionismus und fehlende Krankheitseinsicht.

Die Gewichtsreduktion wird durch Abführmittel, durch Hungern oder den Verzehr von kalorienarmen Nahrungsmitteln bei gleichzeitigem übermäßigen Trinken kalorienfreier Getränke herbeigeführt. Dennoch denken Magersüchtige permanent ans Essen.

Der innere Machtkampf

Viele Wissenschaftler sehen in der vorwiegend weiblichen Magersucht einen Machtkampf zwischen einem "überbehüteten", aber willensstarken Mädchen und ihren dominanten Eltern. Indem es hungert und die Nahrung verweigert, zeigt es unbewusst, dass es die Kontrolle über seinen eigenen Körper hat und die Eltern machtlos sind.

Andere Forscher vermuten in der Anorexie den Wunsch nach einer längeren Kindheit. Da die Brüste kleiner werden und im fortgeschrittenen Stadium die Menstruation ausbleibt, sehen sie hier eine Ablehnung des erwachsenen Körpers mit seinen sexuellen Beziehungen.

Natürlich kann auch Stress die Ursache der Magersucht sein. Eine bevorstehende Prüfung, ein Umzug oder eine kontinuierliche Überforderung im Job oder im Privatleben - Magersüchtige sehen im Nahrungsverzicht eine Möglichkeit der Problembewältigung.

Ebenso konträr ist das Hungern einerseits und das ständige Denken an Essen andererseits. So bekochen Magersüchtige gern Gäste, wälzen Kochbücher und tauschen Rezepte. Sie animieren andere zum Essen, damit sie nicht selber essen müssen.

Aus panischer Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, schieben sie in der Gesellschaft das Essen auf dem Teller hin und her. Sie selber essen aber nicht, schlimmstenfalls lassen sie es in der eigenen Hosentasche verschwinden.

Die Rache des Körpers

Der übertriebene Reinheits- und Sparsamkeitssinn sowie die Ablehnung jeglicher lustbetonten Betätigungen führen häufig zu einer äußerst spartanischen Lebensweise. Zusammen mit dem Nahrungsverzicht kommt es schnell zu körperlichen Folgeschäden.

Bei Kindern bleibt das Längenwachstum aus, die pubertäre Entwicklung tritt verzögert ein. Das Absinken des Stoffwechsels, des Pulses, des Blutdrucks und der Körpertemperatur zieht typische Symptome wie Müdigkeit, Frieren und Verstopfung nach sich.

Der Gesichtsausdruck wird durch den Fettabbau greisenhaft, die Haut faltig, trocken und braun pigmentiert. Die mangelhafte Versorgung mit allen Nährstoffen äußert sich durch hormonelle Veränderungen. Anzeichen sind brüchige Fingernägel und Haare sowie das Ausbleiben der Monatsregel.

Im Extremfall kommt es zu einer veränderten Körperbehaarung. Schwindel, depressive Verhaltensweisen und langfristig eine Knochenbrüchigkeit sowie Herz-Kreislauf-Leiden sind weitere Komplikationen, mit denen Magersüchtige zu kämpfen haben.

Bei einem Teil der Unterernährten entwickeln sich Hungerödeme. Es handelt sich um Schwellungen, bedingt durch Wassereinlagerungen, an Augenlidern, im Gesicht sowie an Beinen und Händen.

Die Therapie

Unbehandelt endet eine Magersucht tödlich. Tatsächlich sterben statistisch 10 bis 20 Prozent der Betroffenen an einer dramatischen Unterversorgung.

Die Behandlung der Magersucht hängt entscheidend vom Schweregrad der Erkrankung ab und sollte immer stationär in einer Fachklinik stattfinden.

Bei einer sehr starken, schon länger unbehandelten Anorexie ist eine Zwangsernährung nicht mehr zu umgehen. Ist das Normalgewicht erreicht, ist eine ausgewogene Schonkost mit 5 bis 6 Mahlzeiten am Tag sinnvoll, da die Verdauungsorgane meist angegriffen sind.

Nahrungsmittel, gegen die der Patient Aversionen aufgebaut hat, sollten zunächst gemieden werden. Besondere Stoffwechselsituationen der Patienten erfordern einen maßgeschneiderten Essensplan.

Keine Ernährungsumstellung kann erfolgreich sein, wenn nicht begleitend eine psychologische Betreuung stattfindet. Nicht nur der Patient selbst, sondern auch das nächste soziale Umfeld muss aufgeklärt werden.

Viele wichtige Verhaltensregeln erleichtern den Umgang mit der Magersucht. Denn nur wer sich für die Therapie öffnet und Unterstützung innerhalb der Familie und bei Freunden findet, hat eine gute Prognose, geheilt aus der Therapie entlassen zu werden.