Aktuelles zu Pocken

Die ausgerottete Seuche

Das Variola-Virus war eine der Geißeln der Menschheit. Dieses größte aller bekannten Viren überträgt die Pocken, auch Blattern genannt.

Im Jahr 1967 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Programm zur Ausrottung der Seuche. Zehn Jahre später wurde der letzte Pockenfall registriert, 1979 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei.

Die Pocken sind hoch ansteckend. Von den Erkrankten stirbt etwa ein Drittel. Das hat die Pocken als mögliche Waffe für terroristische Angriffe ins Gespräch gebracht.

Nach der Ausrottung der Pocken gibt es offiziell nur ein Labor in Atlanta und eines in Kolzowo, wo noch Viren aufbewahrt werden. In den letzten Jahren sind Befürchtungen lauter geworden, dass Pockenviren auch in andere Hände gelangt sind.

Im Zuge dieser Diskussion geht es auch um Massenimpfungen gegen Pocken. Doch dagegen sprechen einige gewichtige Argumente.

Die Krankheit

Die Pocken (englisch "smallpox") brechen ca. eine bis drei Wochen nach der Infektion aus. Bis dahin hat ein Infizierter keine Beschwerden - und ist auch nicht ansteckend.

Wenn die Krankheit einsetzt, bekommt der Patient plötzlich hohes Fieber und fühlt sich sehr krank. Das Fieber und das allgemeine Krankheitsgefühl lassen nach zwei bis drei Tagen nach.

Gleichzeitig bekommt der Patient nun den Ausschlag, durch den die Krankheit ihren Namen hat. Die Viren befallen die Haut und die Schleimhäute.

Es kommt, vor allem auf den Schleimhäuten, im Gesicht sowie an Händen und Füßen, zu einer starken Bläschenbildung. Im Gegensatz zu Windpocken sind auch Handflächen und Fußsohlen betroffen.

Die Bläschen sind anfangs mit Viren gefüllt, später mit Eiter. Dadurch kann die Krankheit übertragen werden. Auch der Speichel ist mit Viren belastet, weil die Bläschen auf der Mundschleimhaut aufbrechen. Zusätzlich können die Viren auch innere Organe schädigen.

Ob moderne Anti-Virus-Medikamente (so genannte Virustatika) gegen das Variola-Virus wirken, weiß man nicht - weil die Krankheit ausgestorben ist. Es gibt nur einige Laboruntersuchungen. Bei Epidemien in der Vergangenheit starben etwa 30 Prozent der Erkrankten.

Die Überlebenden tragen meist tiefe Narben davon, nachdem die Bläschen getrocknet und abgefallen sind.

Die Impfung

Aus der Zeit, in der die Pocken ausgerottet wurden, stammt der Standard-Impfstoff. Er ist dementsprechend "veraltet".

Geimpft wurde mit einem nahen Verwandten des Variola-Virus: dem so genannten Vaccina-Virus. Vaccination (bzw. Vakzination) ist der medizinische Begriff für Impfung und stammt von dem Wort für Kuhpocken ab (vacca: lat. Kuh).

Dieser Wortstamm hat sich gebildet, nachdem man feststellte, dass Menschen, die die Kuhpocken überstanden hatten (die leichter verlaufen als die Menschenpocken), hinterher immun gegen die Menschenpocken waren. Impfungen mit Kuhpocken gegen Menschenpocken waren die ersten Impfungen überhaupt.

Die Vaccina-Viren müssen für die Impfung aktiv sein. Sie führen an der Impfstelle zu der typischen Impfpustel.

Nach der Impfung ist man ca. drei bis fünf Jahre zu 95 Prozent vor einer Pockenerkrankung geschützt. Danach nimmt der Schutz ab. Experten gehen aber davon aus, dass eine eventuelle Erkrankung bei Geimpften schwächer verläuft.

Die Impfung kann auch noch nach dem Kontakt mit dem Variola-Virus helfen. Sie schützt vor der Erkrankung oder lässt sie weniger schwer verlaufen.

Gefahren der Impfung

Der Pockenimpfstoff aus vergangenen Jahren ist nicht so sicher und unkompliziert wie Impfstoffe gegen andere Krankheiten. Deshalb hat er seit 1991 keine Zulassung mehr in Deutschland.

Bei den Impfkampagnen erlitten von 1.000.000 Erst-Geimpften durchschnittlich 1.000 eine schwere Impfreaktion. Die möglichen Gefahren:

  • Manche Impflinge bekamen die "generalisierte Vaccina": u.a. Hautausschlag, allerdings mit guten Heilungschancen.
  • Menschen mit Hauterkrankungen können Hautentzündungen bekommen, verbunden mit hohem Fieber. Diese Komplikation hat unter Kleinkindern eine relativ hohe Sterberate.
  • Bei vielen Patienten mit geschwächtem Immunsystem heilt die Impfpocke nicht ab, sie sterben nach einigen Monaten.
  • Auch zwei verschiedene Formen von Hirnhautentzündungen sind nach Pockenimpfungen aufgetreten. Sie können zum Tod oder zu bleibenden Hirnschäden führen.

Das Impfvirus kann drei Wochen lang von Geimpften auch an Nicht-Geimpfte übertragen werden und damit die aufgeführten Folgen auslösen.

Dies ist in der heutigen Zeit (HIV, viel mehr Transplantationen, Chemotherapien sowie Hauterkrankungen) noch viel gravierender als vor 25 Jahren. Experten schätzen, dass ca. 30 Prozent der Bevölkerung nicht geimpft werden dürften - und auch jeden nahen Kontakt mit Geimpften vermeiden müssten.

Bei Impfungen in den USA Anfang 2003 sind mehrere Impfkomplikationen bekannt geworden. Eine Krankenschwester und drei Soldaten waren betroffen, sollen aber wieder wohlauf sein.

Keine Massenimpfung geplant

Die Bundesregierung will bis zum Herbst 2003 100 Millionen Impfdosen vorrätig haben - für den Fall der Fälle. Geimpft werden soll aber vorerst nur das Personal, das in speziellen Isolierstationen von Unikliniken oder Labors arbeitet.

Weitere Impfungen sollen erst dann erfolgen, wenn tatsächlich ein Pockenfall auftritt. Bei einer Pockenerkrankung im Ausland werden bestimmte Berufsgruppen geimpft, um das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten.

Wenn in Deutschland selbst ein Pockenfall auftritt, wird man zuerst mit so genannten Riegelungsimpfungen verhindern, dass sich die Krankheit ausbreitet. Erst bei mehreren Pockenfällen soll die gesamte Bevölkerung geimpft werden.

Ob dies jemals geschehen wird, ist nach wie vor unklar. Es ist noch nicht einmal gesichert, dass die Pocken außerhalb der offiziellen Labors existieren. Sie sind aufgrund ihrer Gefährlichkeit schwer zu handhaben.

Der in manchen Medien beschriebene Fall eines Selbstmordattentäters, der sich selbst mit Pocken infiziert und dann durch die Weltgeschichte reist, um unbemerkt möglichst viele Menschen anzustecken, ist extrem unwahrscheinlich: Wenn ein Pockenpatient ansteckend ist,

  • ist er so krank, dass er nicht mehr herumlaufen kann.
  • ist er durch die charakteristischen Pusteln für alle als krank erkennbar.